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  • Krizia Köhler

Lebendige Texte leicht gemacht: Nutze die Radiotechnik Schreiben fürs Hören

Du machst dir den ersten Kaffee des Tages, stellst dein Radio an und schon nerven dich deine Lieblingsmoderatoren der Morningshow mit schier endlosen Schachtelsätzen und Fachchinesisch. Kommt dir das bekannt vor? Kann ich mir kaum vorstellen. Im Radio liegt nun wirklich in der Kürze die Würze. Meinen größten Hebel für gut verständliche und lebendige Texte verdanke ich meiner Zeit beim Radio: Schreibe so, als ob du einen Beitrag fürs Hören erstellst.


Schreiben fürs Hören – diese Überschrift trug ein Workshop, den ich 2009 besuchte, im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit für das Campusradio radioaktiv in Mannheim.


Schreiben fürs Hören ist Schreiben fürs Kopfkino!

Schreiben fürs Hören begleitet mich seither in allem, was ich textlich tue. Ich habe meine Zeit als Redakteurin und Radiomoderatorin geliebt. Selbst um 4 Uhr aufstehen, um rechtzeitig zur Morningshow Campuswecker im Sender zu sein, machte mir wenig aus. Ich brannte für diese Zeit vorm Mikro.


Schreiben fürs Hören funktioniert tatsächlich auch ganz wunderbar, wenn die Wörter auf dem Papier später nie gesprochen werden. Wer so schreibt, als ob er den Text erzählen möchte, der wird automatisch kürzer, schreibt bildhafter, verständlicher. Du setzt direkt einen der besten Tipps um, die es meiner Meinung nach für gute Texte gibt: Schreibe so, als ob du deine Geschichte einer Freundin erzählst.


Geheimtrick fürs lebendige Schreiben aus der Radiozeit: Schreibe so, als ob du deinen Text vorlesen musst.


Ich Schlaufuchs habe das Handout zum Radioworkshop aufgehoben und kann hier die Kernpunkte mit dir teilen:


Tipps zum Anwenden: So wird dein Text radiotauglich

Es darf formal werden: Strukturtipps für deinen Textprozess

Die Stimmung macht's – auch beim Texten


 

Tipps zum Anwenden: So wird dein Text radiotauglich

  • Schreibe verständlich. Deine Hörer*innen müssen den Inhalt beim Zuhören verstehen können.

  • Vermeide Passivformulierungen.

  • Vermeide den Nominalstil.

  • Schreibe möglichst kurze Sätze.

  • Suche nicht wie in der Schriftsprache ständig neue Synonyme für einen Ausdruck. Das ist für zentrale Begriffe besonders wichtig. Beispiel: Mannheim ist Mannheim und nicht plötzlich die Quadratestadt. (Ich ergänze: Frankfurt ist Frankfurt und nicht plötzlich Mainhattan.)

  • Schreibe deine Verben und Hilfsverben nicht zu weit auseinander. Faustregel: Setze das Verb möglichst früh ein im Satz.

  • Verzichte auf Fremdwörter, Fachbegriffe und unbekannte Abkürzungen.

  • Schildere deine Zahlen plastisch. Beispiel: statt 30 % lieber "jeder Dritte" und statt 22.10. lieber "nächsten Samstag".


Jetzt ist also die Katze aus dem Sack: Beim Radio schreiben sich Moderator*innen ihre An- und Abmoderationen auf einem Zettel vor, manchmal Fließtextabschnitte, häufiger Stichworte. Das gilt auch für launige Texte, also Aussagen – heißt aber nicht, dass in der Sendung kein spontanes Wort ins Mikro gesprochen wird. Es geht um eine Grundstruktur in der Vorbereitung. Im Moderationsworkshop lernten wir damals natürlich, niemals vorgeschriebene Moderationen abzulesen (Langeweilealarm!), sondern möglichst frei zu sprechen.


Es darf formal werden: Strukturtipps für deinen Textprozess


Für diese Strukturzettel, die ich mir auch damals um 5:00 Uhr in der Früh beim Studentenradio erstellte, gibt es Tipps zur formalen Gestaltung. Sie lassen sich prima auf das reine Texten fürs Lesen übertragen.

  • Nutze große, gut lesbare Schrift (Größe 14 bis 16), idealerweise Arial.

  • Geize nicht mit Absätzen und anderen Zeichen, um zu zeigen, dass Sprechpausen anstehen oder neue Sinnesabschnitte beginnen.


Die Stimmung macht's – auch beim Texten


Kommen wir abschließend nochmal zurück zur Moderation. Ich habe mir damals folgende Sätze notiert, die nicht nur für gelungene Radioshows wichtig sind, sondern bei der Tonalität deiner Texte helfen können. Los geht's:

  • Erzeuge eine positive Grundstimmung in deinem Kopf. Wenn du mies drauf bist, kommt das auch rüber.

  • Übertreibe nicht – übertrieben gute Laune ist zum Kotzen, und schreie deine Hörer*innen niemals an. (Das Lesegefühl des Anschreiens kann übrigens durch zu viele Ausrufezeichen im Text entstehen.)

  • Spreche umgangssprachlich, modern, lebendig, spannend und kreativ.

  • Erschaffe "Kino im Kopf".

  • Vermeide unnötiges Gelaber. Bleibe kurz und knackig, denn Air-Time ist kostbar ( – die Zeit deiner Lesenden ist es auch).

Wie erschaffe ich Kino im Kopf? Wir lassen bei unseren Lesenden und Zuhörenden Bilder im Kopf entstehen, indem wir viele Verben benutzen und alles möglichst plastisch schildern. Statt "Nominalstil vermeiden", wie es oben in der Liste steht, sage ich auch gerne: Verben machen Sätze glücklich. Die besten Verben sind die, die alle Sinne anregen: Sehen, Schmecken, Riechen, Hören, Tasten.


Zum Thema "Kriterien für gute Texte" kann ich noch viele weitere Zeilen für euch verbloggen. Also lest bald mal wieder rein. Bis dahin: Viel Vergnügen beim Schreiben fürs Hören.


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