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  • Krizia Köhler

Kreativ auf Knopfdruck? Über das Trainieren des Schreibmuskels

Aktualisiert: 10. Dez. 2021

Kreativität lässt sich trainieren, ebenso das kreative Schreiben - sieben Tipps für fantasievolle und anschauliche Formulierungen


Ich habe schon lange überlegt, einen Beitrag über Kreativtechniken zu schreiben. Allerdings fehlte noch die Inspiration, dieser eine Startpunkt, der aus der reinen Faktensammlung zu den Techniken eine Geschichte macht. Die neueste Ausgabe der Zeitschrift Federwelt weist mir jetzt den Weg. Eleonore Wittke schreibt darin über Wortklischees, Textübungen und gibt Tipps aus ihren Kursen für Kreatives Schreiben. Da ist meine Inspiration.

Als Lektorin stehe ich selten vor der Aufgabe, einen kreativen Text abzuliefern. Aber ich schaue, anders als beim reinen Korrektorat, auch auf den Sprachstil und gebe konkrete Änderungsvorschläge für Formulierungen, die Sätze aktiver, lebendiger, kürzer oder logischer werden lassen. Ich brauche also Kreativität, um Texte zu verbessern.


Qualität kommt von Quälen - das sagte mein ehemaliger Volleyballtrainer gerne. Ich muss spontan an diesen zynischen Spruch aus dem Training denken. Auf Knopfdruck kreativ sein zu wollen, kann sich schnell wie eine Qual anfühlen. Hier passt folgendes Motto gut: Kreativität kommt vom Üben. Kreativ sein kann jeder, könnte ich auch behaupten. Es gibt viele Methoden, die es einem leichter machen, ohne Blockade vor dem weißen Blatt Papier zu sitzen, egal, um welche Textsorte es sich handelt. Und: Je häufiger wir schreiben, desto eher schaffen wir es, abwechslungsreiche Formulierungen zu entwerfen.


Geht es euch auch manchmal so, dass ihr beim Lesen eines Romans oder Sachbuchs innehalten müsst, weil euch ein Textbaustein irritiert? Mir passiert es leider regelmäßig und es reißt mich dann aus dem Lesefluss. Ein Beispiel: In Romanen wirbelt jemand herum, krümmt sich wie ein Embryo am Boden, betrachtet einen blauen Himmel mit Wolken wie aus Watte, überlegt blitzschnell, heult wie ein weidwundes Tier oder fährt jemandem zärtlich durch die Haare. Wieso irritiert mich das? Formulierungen dieser Art sind hölzern, austauschbar, fantasielos, klischeehaft und zeugen meiner Meinung nach nicht von literarischer Qualität. Autorin und Schreibcoach Wittke geht es ähnlich und sie nimmt diese Beobachtung von Textbausteinen zum Anlass, um Impulse zu geben, wie sich Gefühlsregungen in den Zeilen ausdrücken lassen, ohne dass sie wie klischeehafte Schablonen daherkommen. Wie vermeiden wir "Gänsehaut pur", "panisch aufgerissene Augen" oder "unbändige Wut"? Hier kommen einige Tipps aus dem Werkzeugkasten des Kreativen Schreibens. Sie lassen sich wunderbar im Alltag anwenden, auch wenn ihr nicht vorhaben solltet, in absehbarer Zeit Romanautor*innen zu werden.


Tipp Nr.1 - Betrachte einen Gegenstand oder eine Tätigkeit auf unterschiedliche Art


Es ist ganz simpel. Ich stelle mir einen Wecker auf, sagen wir, fünf Minuten. Ich überlege mir einen Gegenstand, irgendeine Sache oder einen Ablauf, eine Tätigkeit, und dann notiere ich mir alle möglichen Varianten, die mir in den Sinn kommen. Es entsteht ganz spontan eine Notizliste. Beispiel gefällig? Ich denke an ein Buch oder mein Blick fällt spontan aufs Bücherregal. Was kann ich alles mit einem Buch machen? Ich kann es lesen. Ich kann darin blättern. Ich kann die Seiten aus dem Buch reißen und damit ein Feuer anzünden. Ich kann es als Unterlage benutzen, zum Schreiben oder als Sockel für einen Laptop oder einen Monitor. Ich kann das Buch auf den Kopf legen und versuchen, damit durch den Raum zu wandern, ohne dass es herunterfällt, eine Übung aus dem Ballettunterricht. Mit mehreren Büchern kann ich einen Stapel bauen, der als Unterlage dient, als Beistelltisch vielleicht. Die Buchseiten könnte ich zusammenknüllen, sie zu Papierbällen formen und damit etwas ausstopfen oder auspolstern. Ich habe irgendwo gelesen, dass so manch ein verrückter Schriftsteller schon Entwürfe seines Buches gegessen haben soll, wenn er unzufrieden war mit seinem Werk.


Der Hintergrund dieser einfachen Schreibübung: Uns begegnen täglich Situationen, in denen wir auf Alternativen stoßen. Das Ganze schriftlich festzuhalten trainiert den Schreibmuskel.


Tipp Nr.2 - Schwarze Listen erstellen


Den Begriff Blacklist kennt ihr vielleicht als Titel einer Fernsehserie, die auf Netflix läuft. Ich kenne ihn schon aus meiner Agenturzeit. Es gab immer eine Blacklist mit Formulierungen, die auf keinen Fall Einzug halten sollen in Pressemitteilungen und Artikel. Mein Lieblingsbeispiel: kulinarische Köstlichkeiten. Diese Wortkombination vermieden wir, wenn es darum ging, über ein Sternerestaurant, ein neues Kochbuch, ein Pressedinner oder Ähnliches zu berichten. Ich gebe der Blacklist mal einen schöneren Namen: Liste der verbotenen Wörter. Das klingt fast wie ein Romantitel.

Wir sind mitten in der Adventszeit und vielleicht feilt ja der ein oder andere gerade an Weihnachtsgrüßen für die Familie oder für Kund*innen, schreibt Gedichte oder Geschichten rund um diese besondere Zeit des Jahres. Die Übung zur Liste: Alles aufschreiben, was euch spontan zum Thema Weihnachten einfällt. Schnell und spontan, nicht nachdenken, nicht den Stift absetzen. Eine Liste entsteht. Wahrscheinlich sind die meisten Wörter darauf millionenfach benutzt worden, somit abgelutscht und eher umkreativ. Sie zu vermeiden kann ein lohnendes Ziel sein für die nächsten Texte.


„Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen.“ - Doris Dörrie in "Leben, Schreiben, Atmen"

Tipp Nr.3 - Einfach schreiben


Mein Lieblingstipp von Autorin Doris Dörrie: Zehn Minuten lang ohne Pause schreiben und zwar am besten mit der Hand. Ich sitze morgens mit Kugelschreiber vor meinem Notizbuch und schreibe spontan. Nicht nachdenken. Ich lasse mich treiben. Für mich als Lektorin der wichtigste Hinweis dabei: Kontrolliere nicht, was du schreibst. Erlaube dir Schreibfehler. Mach Grammatikfehler, schreib Blödsinn!


Was nützt die Übung, die ihr vielleicht unter "Morning Pages" kennt, für Businesstexte? Durch spontane Schreibeinsätze schule ich meinen Schreibmuskel. Es ist ein bisschen so wie Fitnesstraining für Autor*innen. Schreiben hat sehr viel mit Übung und Routine zu tun. Das betrifft Websitetexte, Broschüren und Geschäftsbriefe genauso wie Kurzgeschichten und Romane.


Tipp Nr.4 - Filmszene statt Kapitel vor Augen


Anschaulich kommt von anschauen, schreibt Eleonore Wittke. Stell dir beim Schreiben vor, dass du wie eine Kamera Details einer Szene aufzeichnest. Bewerte nicht, kommentiere nicht als allwissender Erzähler oder Erzählerin. Es geht ums Beobachten und darum, Leben in eine Situation zu bringen. Wittke bedient sich als Beispiel unter anderen der Zubereitung einer Weihnachtsgans. Statt einer wie Standard wirkenden Formulierung wie "Isabell half ihrem Vater dabei, die traditionelle Weihnachtsgans zuzubereiten." gestaltet sie eine Küchenszene, die filmisch anmutet:


Isabell konnte sie kaum heben, die Gans, so schwer wie sie war. Vater goss einen Eierbecher voll Spiritus in einen tiefen Teller, Isabell durfte anzünden. Aber: "Vorsichtig!" Und dann breitete sich lodernd die blaue Flamme auf der ganzen Flüssigkeit aus. Der scharfe Geruch brannte in der Nase. Vater hielt die Gans über das Feuer und schmurgelnd, brutzelnd und stinkend brannten die Kiele ab, die aus der blassen Haut ragten. Er drehte und wendete den Vogel, am Bürzel versengte er aus Versehen die Haut. Nach dem Auswaschen füllte Vater die Gans mit Äpfeln, rieb sie mit Salz ein, band ihr das Hinterteil zu und die Beine zusammen.

Tipp Nr.5 - Clustern


Vielleicht die einzig berühmte Kreativtechnik in meiner Aufzählung: das sogenannte Clustern. Startet dazu mit einem Kernbegriff oder einer Kernaussage, die ihr wie in einer Mindmap aufschreibt. Jetzt darf wild assoziiert werden. Rund um die umkreiste Kernaussage schreibt ihr Begriffe, die alle auch eingekreist werden. Bei einem Zusammenhang setzt ihr Querstriche, verbindet die Begriffe. Manchmal lasst ihr so Assoziationsketten entstehen. Das Ganze darf chaotisch sein. Es sieht dann so aus wie eine Mindmap. Beispiel gefällig? Ich schreibe den Begriff Winter in die Mitte. Dazu fällt mir direkt eine Clusterkette ein: Kälte - Frost - Schnee - Eis - Schlitten - Schlittschuh.


Diese Technik wurde von Gabriele Lusser Rico erfunden.



Tipp Nr. 6 - Raus in die Natur: Spazierengehen


Wenn mir nichts einfällt, wenn ich einfach nichts Sinnvolles zu Papier bringe, dann hilft nur eine Pause. Ein ganz simpler Spaziergang kann die Kreativität anregen. Wie funktioniert das? Ich habe mir angewöhnt, die Natur um mich herum achtsam zu beobachten und mittlerweile habe ich automatisch Sätze im Kopf, die ich zu einer Geschichte zusammenschreiben könnte, wenn ich in der Nachbarschaft um den Block gehe. Ich bin regelmäßig mit meinem Hund unterwegs und manchmal zücke ich direkt mein Notizbuch, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich schreibe dann Situationen auf, die hängengeblieben sind. Das kann der erste Schnee sein, wie er Häuserdächer, Autos, Bäume und Wiesen zudeckt und verwandelt, oder der erste Frost an einem kalten Herbstmorgen.


Tipp Nr. 7 - Zettel und Papier statt Smartphone und Laptop


Viele Kreative schwören bei sämtlichen Kreativübungen übrigens auf Zettel und Papier, statt Handy oder Laptop. Warum mit der Hand schreiben? Unsere Hand sind wir selbst, sagt Doris Dörrie. Die Handschrift ist die direkte Verbindung von unserem Kopf in die Hand. Eine Tastatur übersetzt quasi unsere Gedanken. Fürs entspannte Kreativwerden gehört für mich auch ein ablenkungsfreier Ort und viel Ruhe dazu, um den Gedanken den nötigen Freiraum zu geben. Digital Detox geht doch immer, oder?



Das Beste zum Schluss: Feinschliff mit Lektorat


Nach dem kreativen Schreiben folgt die Kür, das konzentrierte Lektorat. Also dann, wenn ihr mit entstandenen Texten an eine Veröffentlichung denkt. Es kann schon sinnvoll sein, den ausführlichen Facebook-Post oder LinkedIn-Beitrag von einem zweiten Augenpaar prüfen zu lassen. Räumlicher und zeitlicher Abstand zum Werk sind die Schlüssel für eine erfolgreiche Textprüfung. Natürlich empfehle ich an dieser Stelle einen Profi. ;-)


Welche Erfahrungen habt ihr mit Kreativtechniken? Was nutzt ihr regelmäßig? Was fehlt euch hier in der Liste?



Mehr zum Thema Lektorat, den Vorteilen und der Unterscheidung zum Korrektorat findet ihr in meinem ersten Blogbeitrag:

https://www.koehlerlektorat.de/post/lektorat-was-ist-das




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